Spielend lernen oder beim Spielen lernen?

Neulich wurde ich für einen Artikel unserer Mitarbeiterzeitschrift interviewt. Für die persönliche Note sollte ich auch über meine Hobbys sprechen. Beim Thema „Spielen“ fragte mich meine Interviewerin: „Lernen Sie auch etwas beim Spielen?“. Meine spontane Antwort war ein klares „JA!“ – aber dann kam ich doch ins Nachdenken. Was und wie genau lerne ich denn dabei?

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Natürlich lernt man beim Spielen!

Kinder machen es uns vor: vor allem im Alter von 3- 6 Jahren ist Spielen ihre Lieblingsbeschäftigung. Dabei brauchen sie weder ausgeklügelte Spiele oder buntes Spielmaterial, ihnen reicht ihre Fantasie: Mama-Papa-Kind, Doktor, Räuber und Gendarm, Prinzessin und andere so genannte Sozialspiele. Damit verarbeiten sie, was sie beobachtet haben, strukturieren ihre Erfahrungen und entwickeln idealerweise ein positives Sozialverhalten.

Spielen ist doch nur etwas für Kinder!

Viele Menschen haben irgendwann aufgehört zu spielen und unter Umständen sogar damit begonnen, Spielen als etwas Kindisches zu betrachten. Das änderte sich mit dem Aufkommen von Videospielen, die Spielen zu einer akzeptierten Freizeitbeschäftigung für Erwachsene gemacht haben. Laut Statista waren 2020 sogar 15% der Videogamer über 60 Jahre alt!

Seit vielen Jahren werden spielerische Elemente auch für andere Zwecke eingesetzt. Zunächst sammelten wir vielleicht Punkte oder Meilen, dann wurden wir von Fitnessarmbändern zu mehr Schritten angehalten oder mit Hilfe von serious games mit der neuen Unternehmensstrategie bekannt gemacht. Damit zeigt sich bereits die Vielfalt der Möglichkeiten beim Spielen zu lernen. Es müssen nicht immer aufwändige Computerspiele sein, auch simple Elemente wie Belohnungen oder Wettbewerbe helfen dabei, Lernen (oder auch andere Verhaltensveränderungen) interessanter und motivierender zu gestalten. Eine gute Übersicht über verschiedene Gamification-Ansätze ist in diesem Artikel von Haufe zusammengefasst.

Aber zurück zu der Frage: Lernt man etwas bei Spielen?

Eine einfache Antwort wäre: Lernen passiert immer und überall, also natürlich auch beim Spielen. Wir merken es nur nicht immer. Glaubenssätze wie „Lernen findet nur in der Schule oder im Seminar statt“ oder ganz einfach zu wenig Zeit (oder Übung) zum Reflektieren verhindern, dass wir wahrnehmen, was wir in Alltagssituationen – privat oder beruflich – lernen. Und damit lassen wir viele Entwicklungschancen unbeachtet liegen.

Wer das ändern will, findet Anregungen in meiner privaten Top-Ten-Liste „Was ich aus Gesellschaftsspielen fürs Leben gelernt habe“:

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Gewinnen um jeden Preis?

Kaum jemand wird sagen: „Nein, ich verliere lieber“. Aber interessant ist die Frage: Wie wichtig ist mir das Gewinnen? Oder anders gesagt: War es auch ein gutes Spiel, wenn ich am Ende nicht gewonnen habe? Was tue ich alles, um zu gewinnen?

Denkt man diesen Gedanken ein bisschen weiter, kommt man schnell zu großen Fragen: Politik, Wirtschaft oder auch unser Verhalten im Hinblick auf Umwelt- und Klimaschutz.

Raus aus der Komfortzone?

Sammele ich lieber sichere Punkte oder setze ich auf den großen Gewinn, der aber mit einem hohen Risiko verbunden ist? Habe ich Angst davor, meine Mitspielenden durch fiese Aktionen zu verärgern? Kann ich als strukturierter Mensch in einem Fantasy-Rollenspiel auch mal überzeugend einen völlig chaotischen Charakter spielen? (Bernd, das Brot, zeigt ein schönes Beispiel, wie so etwas nicht aussieht).

Im geschützten Raum des Spiels kann man sich gut ausprobieren, aber selbst das macht nicht jeder. Um so spannender die Frage: Was traue ich mich in der Realität des Alltags?

Mein Geduldsfaden – Stahlseil oder dünnes Fädchen?

Der Freund stellt endlos lange Überlegungen vor dem nächsten Zug an, die Mutter mischt Karten immer mindestens fünfmal oder die Freundin möchte jeden einzelnen Satz der 20-seitigen Spielanleitung gründlich studieren, bevor der erste Würfel fällt. All das kann ein Fädchen nach dem anderen reißen lassen. Bevor es zum endgültigen Knall kommt, helfen Fragen: Welches Verhalten genau nervt mich? Warum? Nervt es bei jedem Mitspielenden oder nur bei bestimmten Personen? Hat man Antworten gefunden, geht es an die Lösungssuche. Vielleicht kann die Freundin schon mal vor dem Spieleabend die Anleitung durchlesen, der Mutter lässt man die Freude am Mischen und mit dem Freund vereinbart man ein Zeitlimit.

Versteht man besser, was an den Nerven reißt, können auch für endlose Meetings, den überkorrekten Kollegen oder die Chefin, die nicht auf den Punkt kommt, Lösungen gefunden werden. Oder man hat zumindest gelernt, das geduldig hinzunehmen, was man nicht ändern kann.

Zufall oder Strategie

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Was spielen wir lieber? Mensch ärgere Dich nicht oder Schach? Reine Glücksspiele lassen sich nicht von geschickten Strategien beeinflussen (auch wenn es Spieler gibt, die es nur ihren einstudierten Wurftechniken zuschreiben, dass wieder eine sechs gefallen ist). Rein strategische Spiele dagegen lassen keine Ausrede wie „Würfelglück“ gelten und werfen auf die eigenen Fähigkeiten zurück.

Unsere Vorliebe für bestimmte Spieltypen kann ein Indiz dafür sein, wie wir uns auch im Alltag verhalten: Ist die gute Note in der Prüfung durch Glück oder gute Vorbereitung zustande gekommen? Konnten so viele Neukunden gewonnen werden, weil am Tag der offenen Tür die Sonne geschienen hat oder steckt doch eher der ausgearbeitete Marketingplan dahinter?

No risk, no fun?

Alles einsetzen, um den uneinholbaren Vorsprung herauszuarbeiten? Auf die hohen, aber seltenen Karten setzen oder lieber in jeder Runde sichere Punkte einsammeln? Wie viel Nervenkitzel brauche ich, um Spaß zu haben? Oder stresst es mich eher, wenn ich mit zitternden Händen die Würfel werfe, weil es jetzt „um alles geht“.

Ich höre schon den Protest: „Aber es ist doch nur ein Spiel und das hat überhaupt nichts mit meiner Persönlichkeit zu tun!“ Aus der Beobachtung in vielen Spielrunden kann ich sagen: Zeig mir, wie du spielst und ich sage dir, wie viel Risiko Du in deinem Leben eingehst. Zumindest bei denjenigen, die gerne gewinnen. Denn es gibt auch diejenigen, denen das Risiko an sich so viel Spaß bereitet, dass es ihnen egal ist, ob sie am Ende dadurch gewinnen oder verlieren.

Spannend zu überlegen: In welchen Bereichen meines Lebens bin ich risikofreudig und in welchen nicht? Was unterscheidet diese Bereiche? Was würde passieren, wenn ich das Verhalten aus dem einen in den anderen Bereich übertrage?

Kenne ich das nicht schon?

Es gibt so genannte Kennerspiele. Nichts für Gelegenheitsspieler, die sich nicht erst durch eine 20-seitige Spielanleitung kämpfen möchten. Aber für diejenigen, die aufgrund ihrer Spielerfahrung eine Abkürzung nehmen können. „Ach, das ist so wie bei …“ – ist bei Vielspielern ein häufiger Kommentar, wenn Regeln besprochen werden. Je mehr Spielregeln man kennengelernt hat, desto mehr weiß man über die grundlegenden Mechanismen.

Genauso funktioniert Lernen: Je mehr ich über ein Thema schon weiß, desto leichter verfangen sich neue Informationen in meinem Wissensnetz. Erscheint mir ein Thema als schwer, liegt es häufig nur daran, dass mein Gehirn noch nicht genügend Andockstellen für das neue Wissen bereitstellt. Eine gute Lernstrategie kombiniert daher verschiedene Schwierigkeitsgrade: vielleicht liest man zu Beginn einen kurzen Übersichtssartikel, schaut sich dann ein Einführungsvideo an und greift erst danach zum dicken Buch für Experten.

Fair geht vor?

Ein Mitspieler hat einen Fehler gemacht? Weise ich ihn darauf hin oder bleibe ich stumm, weil es mir einen Vorteil verschafft? Eine Mitspielerin hält sich nicht an die Regeln und zieht noch eine Karte nach, obwohl sie gar nicht mehr dran ist? Lasse ich es schmunzelnd durchgehen oder protestiere ich? Jemand nutzt nicht all seine Chancen, weil er das Spiel zum ersten Mal spielt? Gebe ich als erfahrene Spielerin einen Hinweis oder freue ich mich schon auf einen leichten Sieg?

Auch bei dieser Frage gibt es eine enge Verbindung zu dem „Gewinnen um jeden Preis“. Weise ich den Verkäufer darauf hin, dass er mir zu wenig berechnet hat oder stecke ich zufrieden mein Portemonnaie ein? Schreite ich ein, wenn ich merke, dass dem Kollegen fälschlicherweise ein Fehler vorgeworfen wird oder schaue ich weg, weil dadurch meine Chancen auf die nächste Beförderung steigen?

Frust oder Lust?

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Ich spiele seit über zwanzig Jahren in einer festen Runde. Am Anfang endeten unsere Partien fast immer so: zwei Spielerinnen wechselten sich als Siegerinnen ab, eine lag in der Regel im Mittelfeld und dann gab es die Freundin, die immer verlor. Viele hätten irgendwann das Handtuch geworfen oder das Spielbrett vom Tisch gefegt.

Frust kann beim Spielen auch leicht auftreten, wenn sich Misserfolge anhäufen: man zieht die „falschen“ Karten, das Plättchen lässt sich nicht anlegen oder der nächste Schritt ist von einem Mitspieler blockiert. Und in der nächsten Runde ist es wieder so.

Mich erinnert das an viele Situationen im Alltag: Auch beim 15. Kunden habe ich keinen Beratungstermin vereinbaren können. Meine tolle Idee ist wieder einmal abgeschmettert worden. Nach einem Jahr habe ich immer noch keine neue Wohnung gefunden.

Wann gebe ich auf und wann spiele ich weiter? Wofür lohnt es sich, durchzuhalten?

Schummeln oder nicht schummeln, das ist hier die Frage?

Als Kinder hatten wir klare Moralvorstellungen: „Du schummelst!“ – das ging gar nicht. Als Erwachsene verhalten sich viele Menschen anders. Wenn man nicht erwischt wird, ist das doch gar kein Schummeln, oder? Andere schummeln doch auch und überhaupt: Was ist denn Schummeln und was ist kreative Regelauslegung?

Im Alltag könnte sich die Frage stellen: welche Regeln befolge ich, welche nicht? Was macht den Unterschied aus? Manchmal machen Regeln ja auch gar keinen Sinn oder haben sich überholt. Ist „Schummeln“ bzw. Regelbrechen dann nicht sogar erforderlich?

Strategie oder mit-dem-Flow gehen?

In unserer Spielerunde gibt es sehr unterschiedliche Spielertypen: von der naturwissenschaftlich geprägten Analytikerin bis hin zur chaotischen „Im-Moment“-Spielerin.

Wie gehe ich normalerweise an meine Vorhaben? Erstelle ich detaillierte Pläne oder vertraue ich darauf, dass alles schon gut gehen wird? Wie gehe ich damit um, wenn sich mir etwas in den Weg stellt und meine Strategie nicht aufgeht? Strukturiere ich alles durch oder nehme ich die Idee vom Wegesrand mit?

Der Artikel wäre zu lang, wenn ich alle Spiele auflisten würde, die mir diese Erkenntnisse verschafft haben. Aber für eine kurze Liste mit meinen aktuellen Favoriten ist noch Platz:

Übrigens: im Interview habe ich die Frage kurz mit „Ja, viel“ beantwortet.

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